Es gibt Momente, die sich einbrennen, ohne dass man versteht, warum. Ich war knapp zwanzig Jahre alt. Meine Mutter war schwanger und ihre Füße waren so angeschwollen, dass ich dachte: Das kann nicht normal sein.
Ich wusste nicht, was ich sah. Ich wusste nur, dass etwas nicht stimmte. Was ich damals nicht wusste: Ihre Hashimoto-Erkrankung war schon seit Jahren weit fortgeschritten. Und es sollte noch fast sieben Jahre dauern, bis ich wirklich verstand, was ich damals gesehen hatte.
In meiner Familie gibt es drei Hashimoto-Diagnosen. Drei sehr unterschiedliche Wege in dieselbe Erkrankung. Dieser Beitrag ist eine ehrliche Einladung, früh hinzuschauen, wenn Hashimoto bei dir in der Familie vorkommt.
Ich habe meine Mutter als Teenager mit Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit und Gewichtsschwankungen erlebt. Ich habe es irgendwo zwischen meiner eigenen Art und ihrer Art einsortiert. Als Charakter bzw. als Temperament. Ich dachte immer „so ist sie halt“.
2018 habe ich mich tiefer in Hashimoto eingelesen. Und plötzlich erklärte das Bild meiner Mutter vieles.
Ich hatte nicht gewusst, wie multifaktoriell Hashimoto ist. Wie sehr es sich mit anderem überlagert. Wie viel davon als Charakter oder Launenhaftigkeit abgetan wird.
Zum ersten Mal dachte ich: Vielleicht war das gar nicht immer sie. Vielleicht war das die Erkrankung, die sich so stark gezeigt
hatte.
Heute ist meine Mutter ausgeglichener als je zuvor. Nicht weil die Erkrankung weg wäre. Sie hat für sich herausgefunden, was ihr guttut. Trotzdem begleitet mich ein Gedanke: Wie viel hätte sich anders entwickelt, wenn früher jemand genauer hingeschaut hätte?
Hashimoto kann auch zufällig entdeckt werden
Meine Schwiegermutter und mein Schwager wurden durch Zufall diagnostiziert. Nicht weil jemand systematisch gesucht hat, sondern weil ein Wert bei einer Routineuntersuchung aufgefallen ist.
Meine Schwiegermutter hat mir erzählt, was sie nach der Diagnose gehofft hatte: Die Schilddrüsentabletten einnehmen und damit vielleicht auch das Gewicht loswerden, das nie so wollte wie sie.
Diese Hoffnung kenne ich aus der Apotheke. Ich höre sie oft. Und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Antwort auf diese Hoffnung lautet: So einfach ist es nicht. Das Gewicht ist ein komplexes Thema, das sich nicht mit einer Tablette löst. Diese Enttäuschung ist real und sie ist berechtigt.
Mein Schwager hatte eine andere erste Reaktion. Er fragte sich eher: Wie lange hält meine Schilddrüse das durch? Was passiert, wenn sie irgendwann nicht mehr kann? Er hat sich weniger mit Alternativen beschäftigt, mehr mit dem Ende.
Das ist menschlich, aber es zeigt auch, wie viel Raum für das fehlt, was zwischen Diagnose und Ende liegt. Was man tun, steuern und wie man aktiv mitgestaltet kann statt nur abzuwarten.
Ja, auch Männer bekommen Hashimoto. Seltener, aber es passiert. Auch das wird zu selten gesagt.
Die leise Angst, die ich mit mir trage
Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich das hier weglassen würde. Seit ich verstanden habe, was Hashimoto wirklich ist und was es in meiner Familie bedeutet , ist da eine leise Frage, die nicht verschwindet: Was ist mit mir?
Ich erlebe an mir Züge, die ich schwer zuordnen kann. Ist es meine Art bei viel Stress? Ist es das Leben mit Kindern und zu wenig Schlaf? Oder steckt etwas anderes dahinter? Ich weiß es nicht und das auszuhalten, ist nicht einfach.
Was ich stattdessen tue: hinschauen. Ich lasse mich heute regelmäßiger testen als früher. Nicht jedes Jahr, aber in sinnvollen Abständen. Manchmal mit einem Heimtest, manchmal beim Arzt inklusive Ultraschall.
In der Regel die Basiswerte und Antikörper, ab und zu auch Mikronährstoffe und Vitamine. Nicht aus Panik, sondern, weil ich den Moment abpassen will, wenn sich etwas abzeichnet und nicht erst dann, wenn es schon zu spät ist.
Warum mich das zu dir führt
Du bist selbst Mutter. Und wenn du diese Zeilen liest, hast du vielleicht einen ähnlichen Gedanken wie ich ihn damals hatte: Was erleben meine Kinder gerade, wenn ich so erschöpft bin? Was speichern sie ab, ohne es benennen zu können?
Ich kenne das als Tochter. Ich weiß, wie sich ein Kind fühlt, das die Erschöpfung einer Mutter spürt, ohne sie einordnen zu können. Ich weiß, wie lange es dauern kann, bis man versteht, dass es nicht die Mutter selbst war, sondern die Erkrankung, die durch sie gesprochen hat.
Und ich weiß auch, das es nicht so lange dauern muss.
Was ich dir mitgeben möchte
Wenn Hashimoto oder eine Schilddrüsenunterfunktion in deiner Familie vorkommt, dann bitte ich dich um eines: Lass es bitte abklären. Einfach aus Verantwortung dir selbst gegenüber.
Ist der Befund negativ, ist das gut. Aber wiege dich nicht in falscher Sicherheit. Wiederhole es in regelmäßigen Abständen, besonders bei hormonellen Umbrüchen wie Schwangerschaft, Stillzeit oder Menopause. Das sind die Phasen, in denen sich verborgene Schwachstellen zeigen. Hashimoto wird oft erst erkannt, wenn schon viel passiert ist.
Was weg ist, ist weg. Zerstörtes Schilddrüsengewebe kommt nicht zurück.
Früh hinschauen, den richtigen Moment abpassen und handeln, bevor es dringend wird. Lass es nicht so weit kommen. Du hast die Möglichkeit, früher hinzuschauen.
Dieser Beitrag ist ein persönlicher Erfahrungsbericht. Er ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.
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